DESIGNIDEE - Der S33 von Mart Stam

Meet a Star: Der S 33 von Mart Stam bei mir Zuhause

Heute treffe ich einen "Star", von dessen Existenz ich vor 15 Jahren noch gar nichts gewusst habe. Allerdings glaube ich, dass alleine die Ausstrahlung eines S 33 von Thonet meine Aufmerksamkeit in den Bann gezogen hätte.

Erst seit meinem Studium interessiere ich mich explizit für Architektur und Design. Seither begebe ich mich auf den Spuren vergangener sowie aktueller Architekten und Designer. Ich reise ihnen sogar hinterher, um mir Gebäude oder themenspezifische Ausstellungen anzusehen. Architektur und Design hautnah erleben, ist das, was mich heute sehr erfüllt. Ich bin fasziniert von der Stimmung, die eine gebaute Umgebung oder ein Innenraum ausstrahlt. Ich finde es spannend, die Entwurfsgeschichte, die hinter einem Gebäude oder einem Möbel steht, zu kennen und somit das Objekt oder das Haus mit anderen Blicken zu sehen. Ich mag es, die Form und die Proportionen eines Werkstückes mit dem Auge zu erfassen. Ich muss ein Möbel ausprobieren, um es zu ergründen. Ein Haus ist oft nicht nur ein Haus. Gut gemacht, kann es eine spürbare Ausstrahlung haben. Innenräume fließen, unterschiedliche Raumgrößen und -höhen werden zu einem besonderen Erlebnisparcours. Treppen verbinden Geschosse und Wände bilden Räume. Fenster eröffnen Ausblicke, die wie gerahmte Bilder an der Wand eines Raumes hängen – der Architekt führt den Blick. Ein gutes Möbel erfüllt seine Funktion und hat Ausstrahlung, die berührt und Aufmerksamkeit auf sich richtet.

Der S 33 von Mart Stam hat beides. Er ist funktional und hat Ausstrahlung. Jemand betritt den Raum und alle Blicke richten sich auf die Person. Kennt Ihr solche Momente? Genau so war das erste Zusammentreffen mit diesem Stuhlklasiker. Der Freischwinger ist Raumeinnehmend ohne dominant zu sein. Stundenlang könnte ich meinen Blick auf ihn ruhen lassen, als würde man an den Lippen eines guten Geschichtenerzählers hängen.

Stararchitekten, so würde man sie heute nennen, machen Häuser. Stardesigner entwerfen  Möbel. Toll ist eine Kombination aus beidem. Ich bin Fan von Walter Gropius, Mies van der Rohe, Marcel Breuer und Co. Diese Architekten und Gestalter haben Architektur- und Designgeschichte geschrieben. Ja, das Bauhaus hat es mir angetan. Ein faszinierender Stil, der zu Zeiten entstanden ist, als ein Flachdachgebäude mit Fensterbändern noch aufsehen erregt hat. Ein Stil, der die pure und geometrische Form im Blick hatte. Bauhaus repräsentiert für mich das einfache, ungezwungene und das technische Detail.

Der S 33 erzählt mir seine Designgeschichte

Geschichten gab es tatsächlich, denn wir sind ins Plaudern gekommen, der S 33 und ich:

Mart Stam wird das künstlerische Urheberrecht an dem Design des Freischwingers aus Stahlrohr zugeschrieben, welches heute in den Händen von Thonet liegt. Stam war derjenige, der als erstes die Idee entwickelt hat, aus einem gebogenen Rohr und passenden Winkelverbindern einen Kragstuhl zu entwerfen. Der hinterbeinlose Stuhl von Mart Stam repräsentierte das neue Design der Moderne. Er bot mit seiner Idee eine Vorlage für Marcel Breuer und Mies van der Rohe, die aus dem hinterbeinlosen Kragstuhl einen Freischwinger aus kaltgebogenen Stahlrohr entwickelten. Seinen ersten Auftritt hatte der S 33 1927 bei der Eröffnung der Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Ein aufregender Moment.

Ein Stuhl zum Sitzen

Mart Stam sagt selbst: "Der Stuhl als Gebrauchsmöbel dient zum Sitzen, statt um bewundert zu werden!" 

Dann setze ich mich mal und stelle fest, wie bequem dieser Stuhl ist. Ich wippe und merke, dass die Netzbespannug als Sitzfläche völlig ausreicht. Meine Bewunderung wächst, so ist es, wenn Möbel gut gemacht sind. Wie heißt es doch gleich? Form follows function! Der Freischwinger zeigt Größe und Funktionalität ohne Aufzutragen. Ein Möbel, welches für minimalen Wohnraum konzipiert wurde, aber davon erzählt mir der S 33 bestimmt ein anderes Mal.

Habt Ihr einen Lieblingsstuhl?  Ist es ein Stuhl, von dem Ihr so schnell nicht wieder aufstehen möchtet? 

Designklassiker - S 33 von Mart Stam.
Ich danke Thonet für die freundliche und kooperative Zusammenarbeit. Es war mir eine Ehre, den S 33 bei mir begrüßen zu dürfen.

Kommentare:

  1. Liebe Cora,
    ein wunderschönes und wirklich sehr zeitloses Stück Designgeschichte. Es ist schon bewundernswert, wenn vor fast 100 Jahren etwas entwickelt wurde, dass auch heute noch soviel Begeisterung wach ruft. Und Deine kann ich absolut nachvollziehen. Macht sich ganz hervorragend in Deinem Heim!
    Einen schönen Tag wünsche ich Dir und bis bald, Tanja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Eine ganz schön lange Zeit, unglaublich, stimmt!

      Löschen
  2. Diese Freischwinger sind einfach großartig, deshalb ist mein Schonimmerundewig-Lieblingsstuhl auch ganz ähnlich: Nämlich der S 32 von Marcel Breuer in Schwarz.
    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Der S32, eine schöne Wahl, liebe Caro!

      Löschen
  3. Große Stuhlliebe auch hier! Ich mag den Kaffeehausstuhl von Thonet sehr sehr gern, den dsw Eames chair, den Panton chair zum anschauen, weniger zum sitzen muss ich zugeben... und den Hay J77 mag ich! Im Allgemeinen sind Sitzmöbel mir sehr lieb.
    Lass es Dir gut gehen Cora! : )

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, Sitzmöbel sind schon fein.

      Löschen
  4. diese freischwinger sind einfach grandios. ich mag sie auch sehr. wir hatten früher zu hause eine nachahmung in der küche stehen - extrem bequem zum langen am tisch sitzen. obwohl ich zu schulzeiten so gar keine ahnung von möbeln hatte, überzeugte mich der stuhl schon damals durch seine funktion. wenn design eine gute funktion erfüllt, ist sie mir am liebsten.
    mein lieblingsstuhl ist der relaxer-schaukelstuhl von verner panton (für rosenthal entworfen). leider ist der im moment nur viel zu raumgreifend, um ihn bei uns richtig zu würdigen. also steht er etwas stiefmütterlich im gästezimmer.
    herzliche grüße
    die frau s.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du hast einen Relaxer-Schaukelstuhl, jetzt bin ich baff.

      Löschen
  5. Oja, den mag ich auch... Mein Lieblingsstuhl ist nicht bei mir zu Hause, sondern in Sachsen unterm Dach, ein alter Schaukelstuhl, den man vorher schon ein bisschen sacht zusammenklopfen muss, bevor man sich setzt... Allerbestes Lieblings-Lesemöbel, und dann noch Tee und die Welt kann mich mal für ne Weile ;-). Lieben Gruß Ghislana

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das klingt ja sehr gut, liebe Ghislana!

      Löschen
  6. Vielen Dank für dieses schöne Portrait, liebe Cora !!!
    Diese Variante kannte ich noch gar nicht,ich hatte den S64 mit Rohrgeflecht in meiner Praxis im Wartezimmer stehen und kann dir nur zustimmen: Freischwinger sind sehr bequem, verleiten allerdings zum etwas debil aussehenden Wippen ;-)
    In deiner Wohnung scheint sich dein Gast sehr wohl zu fühlen, vielleicht darf er ja für immer bleiben :-)
    Ganz herzliche Grüsse , helga

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, ja, das nervöse Wippen in Wartezimmern kenne ich ;) !

      Löschen
  7. Hallo Cora,oh was für ein schöner Stuhl..ein Traum dieses Stück..Freischwinger sind ja wirklich cool zum sitzen,das sanfte wippen mag ich sehr.
    Schön sieht er aus ,und passt auch super zu deiner Einrichtung.
    L.G.Edith.

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Cora, da hab ich jetzt grad was dazu gelernt :-) Ich bin was Stühle angeht so eine Banause. Ich könne weiss ich wo drauf sitzen und wüsste es nicht mal. Aber das hat auch was gutes, dann ist man nicht voreingenommen und wählt den Stuhl, auf dem sich gut sitzen lässt und nicht nur das design. Auf so einem S33 hab ich tatsächlich schon mal gesessen und der ist wirklich sehr sehr bequem :-)
    Lieber Gruss Nica

    AntwortenLöschen
  9. Bei mir ist es der SS 33 von Thonet, der Desta -Freischwinger, der leider von Thonet nicht mehr produziert wird. Der ist nicht so kantig -eckig wie der von Mart Stam, aber wunderbar zu "besitzen". Ich habe über ihn auch mal gepostet.
    Ich sammle übrigens Designer Stühle, manche sind aber schöne Schauobjekte, andere wirklich gute Sitz -Möbel...blöde finde ich nur, dass um einige Modelle so ein Hype gemacht wird und sie plötzlich in allen Wohnungen auftauchen. Individualität ist anders..,
    Freu dich weiterhin an deinem guten Stück!
    Astrud

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Stimmt, den habe ich bei Dir auch schon einmal gesehen. Es ist schön, wenn Möbel so lange bestand haben. Ich sollte auch anfangen Stühle zu sammeln ;). Der Hype entsteht wohl auch, weil so viele Plagiate angeboten werden. Das ist für die Herstelle eine schlimme Angelegenheit - wer kann da wirklich noch das Original von der Fälschung unterscheiden.

      Löschen
  10. Liebe Cora,

    OMG!
    Davon träume ich noch!
    Und besonders seit der IMM!!!
    In Thonet-Stühle bin ich schon immer heimlich verkanllt gewesen, aber seit meinen zwei Besuchen auf der Thonet-Messefläche, seit dem hinreißenden Vortrag von Herrn Muck, seit den zahlreichen Sitzproben dort...
    ... liebe ich die Stühle einfach!
    Wie ich in meinem zweiten Post schrieb:
    So sinnlich...
    Und bequem und schön anzuschauen!
    Dieses klassische Design hat es mir echt angetan!
    Hach!

    Liebe Grüße und Danke für dieses tolle Portrait!

    Julia

    AntwortenLöschen
  11. Liebe Cora, der Stuhl ist so toll und Du hast ihn wunderbar in Szene gesetzt! Danke für die Geschichte und die Informationen dazu. Ich darf seit letztem Sommer ebenfalls ein solches Exemplar mein Eigen nennen, allerdings mit Armlehnen. Aktuell überlege ich gerade, ob ich noch Kunststoff-Füße dazu kaufen soll, damit er besser über den Boden gleitet!

    Liebe Grüße, Kathrin

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über Kommentare.